Die Zahlen sind raus
Drei Tage lang haben die Experten des Arbeitskreises Steuerschätzung gerechnet. Am 7. Mai 2026 stellte Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) in Berlin die Ergebnisse der 170. Steuerschätzung vor. Das Resultat: deutlich düsterer als bei der Schätzung im Oktober 2025.
| Zeitraum | Mindereinnahmen ggü. Oktober-Schätzung |
|---|---|
| 2026 | −17,8 Mrd. Euro |
| 2026 – 2029 | −87,5 Mrd. Euro |
Die Zahlen treffen Bund, Länder und Gemeinden – und das in einer Lage, in der die Kommunen ohnehin schon Rekordschulden von über 30 Mrd. Euro angehäuft haben.
Warum die Einnahmen einbrechen
Klingbeil benannte die Ursachen offen:
„Die heutige Steuerschätzung zeigt, wie sehr uns der Iran-Krieg wirtschaftlich schadet. Trumps verantwortungsloser Krieg und der daraus resultierende weltweite Energiepreis-Schock bremsen die positive Entwicklung.”
– Lars Klingbeil, Bundesfinanzminister, 7. Mai 2026
Konkret schlagen drei Faktoren durch:
- Schwaches Wirtschaftswachstum: Statt der erhofften ~ 1 % nur +0,5 % BIP-Wachstum für 2026
- Hohe Energiepreise infolge der Sperrung der Straße von Hormus → Industrie verliert internationale Wettbewerbsfähigkeit
- Steuersenkungen ohne Gegenfinanzierung aus dem Koalitionsvertrag (Investitionsbooster, Pendlerpauschale, Aktivrente) – die kosten jetzt voll, ohne dass das versprochene Wachstum entsteht
Der Grünen-Haushaltspolitiker Sebastian Schäfer bringt es zugespitzt auf den Punkt:
„Jetzt rächen sich die Steuersenkungen ohne Wachstumswirkungen, die Markus Söder in der Koalition durchgesetzt hat. In den Kommunen ist die Lage mittlerweile im ganzen Land dramatisch.”
Direkte Verbindung zum Krisenbonus-Stopp
Die Steuerschätzung erschien einen Tag vor der entscheidenden Bundesratssitzung am 8. Mai 2026, in der die Länder dem Krisenbonus die Zustimmung verweigerten. Das ist kein Zufall:
- Die 170. Steuerschätzung lieferte die harten Zahlen, mit denen die Länderfinanzminister argumentieren konnten
- Hamburgs Finanzsenator Dressel zitierte am 8. Mai im Bundesrat genau diese Zahlen
- Die Kommunen werden mit ~ 700 Mio. Euro zusätzlich vom Krisenbonus belastet – obendrauf zu den 17,8 Mrd. Euro Mindereinnahmen
Übersetzt: Die Länder hatten am 7. Mai die Munition geliefert bekommen, um am 8. Mai Nein zu sagen.
Was bedeutet das für deine Einkommensteuer?
Trotz der Mindereinnahmen hält Klingbeil an der Einkommensteuerreform zum 1. Januar 2027 fest:
„Die Reform soll spürbar sein. Mehrere hundert Euro mehr im Geldbeutel.”
Geplant sind:
- Anhebung des Grundfreibetrags über die bisherige Inflations-Anpassung hinaus
- Verschiebung des Steuertarifs im mittleren Bereich (mehr Netto bei 30 – 70 k Brutto)
- Mögliche Spitzensteuer-Anhebung ab ~ 270 k Euro – hier liegt der Hauptkonflikt mit der Union
Der Streit Merz vs. Klingbeil
Kanzler Merz hat in den letzten Tagen mehrfach betont:
„Die unteren und mittleren Einkommen zu entlasten und die oberen zu belasten, geht einfach nicht – das ist ein Dissens mit der SPD.”
Damit steht die Reform inhaltlich auf der Kippe – obwohl sie laut Koalitionsvertrag zum 1.1.2027 kommen soll.
Realitätscheck: Was kommt wirklich?
| Vorhaben | Status nach 7. Mai 2026 |
|---|---|
| Krisenbonus 1.000 € | ❌ vom Bundesrat gestoppt |
| Spritpreisbremse | ✅ läuft (bis 30.6.2026) |
| Einkommensteuerreform 1.1.2027 | ⚠️ politisch umkämpft |
| Anhebung Grundfreibetrag 2027 | ✅ wahrscheinlich |
| Spitzensteuer-Anhebung | ❌ Merz blockiert |
| Pendlerpauschale-Erhöhung | ✅ ab 1.1.2027 (38 Ct ab 1. km) |
Was du jetzt tun kannst
Für die nächsten 12 Monate
- Nicht auf den Krisenbonus zählen – er kommt vorerst nicht
- Keine Annahmen über große Steuerentlastungen 2027 – der politische Streit kann die Reform verwässern
- Energiekosten weiter im Blick behalten – die hohen Preise bleiben mindestens den ganzen Sommer
- Tarifrunden nutzen – wo möglich auf tabellenwirksame Erhöhungen statt Einmalzahlungen pochen
Wenn du in Verhandlungen bist
- Lass dir keine Einmalzahlungen mit Bezug auf den Krisenbonus verkaufen (steuerpflichtig!)
- Pendlerpauschale 2027 (38 Ct ab 1. km) ist sicher → Argumentation in Gehaltsverhandlungen für Pendler
- Inflation 2,9 % ist die Mindestlatte für tarifliche Forderungen
Unsere Einschätzung
Die Steuerschätzung ist nicht nur eine Zahlenmeldung – sie ist ein politisches Dokument. Sie zeigt, dass die Schwarz-Rote Koalition unter dem Doppeldruck aus Iran-Krieg + selbst beschlossenen Steuersenkungen kaum mehr Spielraum hat.
Die spürbare Einkommensteuerreform 2027 könnte am Ende deutlich kleiner ausfallen als versprochen. Realistisch ist eine Anhebung des Grundfreibetrags auf ~ 13.500 Euro und eine moderate Tarifkorrektur. Mehrere hundert Euro mehr Netto dürften nur Geringverdiener und untere Mittelschicht sehen – nicht alle.
Für die kommenden Monate gilt: Erwartungen runterschrauben, eigene Einkommensplanung konservativ rechnen.
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