“Krisen-Abschluss” in der Chemie
Die Gewerkschaft IG BCE und der Arbeitgeberverband BAVC haben sich nach drei zähen Verhandlungsrunden auf einen neuen Tarifvertrag für die Chemie- und Pharmaindustrie geeinigt. Es ist der erste große Industrie-Tarifabschluss 2026 – und er trägt deutlich die Handschrift der Krise.
IG-BCE-Vorsitzender Michael Vassiliadis nannte es einen “Krisen-Abschluss, für den man bis an die Schmerzgrenze gegangen ist.”
Die Eckdaten im Überblick
| Zeitraum | Maßnahme |
|---|---|
| März – Dezember 2026 | Keine Entgelterhöhung (Nullrunde) |
| 2026 | 300 €/Person in Demografiefonds (150 € Azubis) |
| Januar 2027 | +2,1 % Entgelterhöhung + 300 €/Person Fonds |
| Januar 2028 | +2,4 % Entgelterhöhung |
| Laufzeit | 27 Monate (bis Mai 2028) |
| Betroffen | 585.000 Beschäftigte in 1.700 Betrieben |
Gesamtbilanz
| Chemie/Pharma | Zum Vergleich: TVöD | Zum Vergleich: TV-L | |
|---|---|---|---|
| 2026 | 0 % | +2,8 % (Mai) | +2,8 % (April) |
| 2027 | +2,1 % | – | +2,0 % |
| 2028 | +2,4 % | – | +1,0 % |
| Gesamt | ~4,5 % | ~5,8 % | ~5,8 % |
Die Chemie-Beschäftigten liegen damit deutlich unter dem öffentlichen Dienst – ein Zeichen für die schwierige Lage der Branche.
Das Novum: Demografiefonds zur Jobsicherung
Der bemerkenswerteste Teil des Abschlusses ist die Erweiterung des Demografiefonds:
Was ist der Demografiefonds?
Seit 2010 besteht in der Chemiebranche ein Fonds, in den Arbeitgeber pro Mitarbeiter einzahlen. Bisher wurde er für Altersteilzeit und betriebliche Altersversorgung genutzt.
Was ist neu?
Ab 2026 wird der Fonds erstmals auch für Beschäftigungssicherung eingesetzt:
| Verwendungszweck | Details |
|---|---|
| Standortsicherung | Projekte zum Erhalt von Produktionsstandorten |
| Umqualifizierung | Weiterbildung bei Wegfall von Arbeitsplätzen |
| Arbeitszeitreduzierung | Alternative zu Entlassungen |
| Altersteilzeit | Wie bisher |
| Betriebliche Altersversorgung | Wie bisher |
Einzahlung
| Jahr | Pro Beschäftigtem | Pro Azubi |
|---|---|---|
| 2026 | 300 € | 150 € |
| 2027 | 300 € | 150 € |
Das ist ein bundesweites Novum in einem großen Flächentarifvertrag: Ein Tarifinstrument, das explizit der Jobsicherung in der Transformation dient.
Warum eine Nullrunde?
Die Chemiebranche steckt in einer tiefen Krise:
Zahlen zur Lage
| Faktor | Stand 2026 |
|---|---|
| Produktionsniveau | 20 % unter 2018 |
| Energiepreise | Massiv gestiegen (Iran-Krieg, Hormus-Sperrung) |
| US-Zölle | 100 % auf Arzneimittel (seit 3. April 2026) |
| Konjunktur | Schwach, Ifo erwartet weitere Kürzungen |
| Stellenabbau | BASF, Evonik, Dow, Wacker – überall Sparprogramme |
Zwei Welten in einer Branche
Die Einigung spiegelt eine gespaltene Branche:
- Pharma (Boehringer, Bayer Pharma, Merck): Gewinne sprudeln, Wachstumskurs
- Chemie (BASF, Evonik, Dow): Werksschließungen, Kurzarbeit, Verlagerung nach China
BAVC-Präsidentin Katja Scharpwinkel: Die Einigung “spiegele die schwere Krise der Branche wider.”
Was bedeutet das konkret fürs Gehalt?
Beispiel: Chemikant/in, Entgeltgruppe E 7
| Zeitpunkt | Monatsgehalt | Veränderung |
|---|---|---|
| Bis Dezember 2026 | 3.850 € | Keine Erhöhung |
| Ab Januar 2027 | 3.931 € | +81 € (+2,1 %) |
| Ab Januar 2028 | 4.025 € | +94 € (+2,4 %) |
Beispiel: Laborant/in, Entgeltgruppe E 6
| Zeitpunkt | Monatsgehalt | Veränderung |
|---|---|---|
| Bis Dezember 2026 | 3.450 € | Keine Erhöhung |
| Ab Januar 2027 | 3.522 € | +72 € (+2,1 %) |
| Ab Januar 2028 | 3.607 € | +85 € (+2,4 %) |
Werte geschätzt auf Basis typischer Entgelttabellen der Chemie-Tarifverträge.
Reallohnverlust 2026?
Bei einer erwarteten Inflation von 2,5–3 % in 2026 (angeheizt durch Energiepreise und Iran-Krieg) bedeutet die Nullrunde einen realen Kaufkraftverlust. Der Demografiefonds-Beitrag von 300 € pro Person (≈ 25 €/Monat) gleicht das nicht aus – er fließt in den Fonds, nicht auf das Konto.
Silberstreif: Der neue 1.000-Euro-Krisenbonus der Bundesregierung könnte die Lücke teilweise schließen – sofern der Arbeitgeber ihn zahlt.
Wie geht es in anderen Branchen weiter?
| Branche | Status | Nächster Termin |
|---|---|---|
| Chemie/Pharma | ✅ Abschluss | +2,1 % ab Jan 2027 |
| TVöD (Bund/Kommunen) | ✅ Abschluss | +2,8 % ab Mai 2026 |
| TV-L (Länder) | ✅ Abschluss | +2,8 % ab Apr 2026 |
| Metall/Elektro | ⏳ Verhandlungen erwartet | Herbst 2026 |
| Ärzte (Marburger Bund) | ✅ Abschluss | +2,0 % ab Juni 2026 |
Fazit
Der Chemie-Tarifabschluss 2026 ist ein Krisen-Kompromiss: Keine Gehaltserhöhung in diesem Jahr, dafür ein innovatives Instrument zur Jobsicherung. Die Beschäftigten gehen in Vorleistung – die Frage ist, ob Arbeitgeber und Politik ihren Teil liefern.
Für die 585.000 Betroffenen heißt das konkret: 2026 wird ein mageres Jahr. Erst ab 2027 gibt es wieder mehr Geld. Wer in der Pharma-Sparte arbeitet, steht besser da als in der klassischen Chemie.
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